BauSV: Seit Jahrzehnten unterstützt das Experten-Portal GEG-info.de | EnEV-online Bausachverständige, Architekten, Planer und Energieberater bei der Anwendung der Energiesparregeln in der Planungspraxis. Anfang dieses Jahrhunderts waren es »nur« die EU-Gebäuderichtlinie, das Energieeinsparungsgesetz (EnEG) und die neue Energieeinsparverordnung (EnEV), die es zu beachten galt. Seither wurden all diese Regeln etliche Male novelliert, es kamen neue Regelwerke hinzu und das aktuell geltende Gebäudeenergiegesetz (GEG 2024) wird demnächst wieder geändert.
Es ist nicht so leicht, bei den Energiesparvorschriften den Überblick zu behalten. Leichter gelingt das womöglich mit Blick auf den »Werdegang« der Energiesparbestimmungen. Ihr eigener Werdegang ist damit eng verknüpft. Daher gehen wir einmal zurück ganz »auf Anfang«: Frau Tuschinski, seit wann interessieren Sie sich eigentlich für das Thema Energieeinsparen in Gebäuden?
Tuschinski: Das liegt bereits vierzig Jahre zurück. Ich hatte an der Universität Stuttgart Architektur studiert und stand kurz vor dem Diplom. Ein USA-Stipendium bot mir ab 1985 Gelegenheit – nach bestandenem GRE-Test (Graduate Record Examination) – und zwei weiteren Studienjahren an der University of Texas in Austin / USA den Abschluss »Master of Architecture« zu erlangen. Von 1985 bis 1988 studierte ich dort als Fulbright-Stipendiatin an der Architekturfakultät.
Diese Zeit hat mich in Bezug auf das Thema Energie in Gebäuden besonders fasziniert und geprägt. Für meine Masterarbeit habe ich bei dem von mir hochgeschätzten Architekten Charles Moore – vielen auch bekannt als »Vater der Postmoderne« – ein Kreativitätszentrum entworfen. Moore hatte in den 80-er-Jahren auch am Tegeler Hafen in Berlin viel geplant und gebaut. Er hat mich in vielen Dingen maßgeblich beeinflusst. Jedoch erweckte der argentinische Professor Francisco Arumi mein besonderes Interesse an Energiethemen in der Architektur. Das lebenswichtige Thema Energie packte mich regelrecht und ließ mich seither nicht mehr los.
BauSV: Die 80er-Jahre waren bekanntlich die Zeit der internationalen Experimente mit der »Solar-Architektur«. Auch in der Schweiz hatte man bereits das Thema Energiesparen im Baubereich für sich entdeckt: Man entwickelte den »Minergie«-Standard, der auch heute noch weitergeführt wird. Welche Impulse haben Sie aus Texas nach Deutschland mitgebracht?
Tuschinski: Innovative Fachleute entdeckten damals weltweit, wie Menschen von der Solareinstrahlung in Gebäuden profitieren können. Dieses Wissen war natürlich nicht ganz neu! Dazu statteten sie die Solarhäuser mit südlich orientierten, großflächigen Fenstern und Wintergärten aus. Professor Arumi hatte als Physiker das erste computerunterstützte Programm »DEROB« (Dynamic Energy Response of Buildings – Dynamische Energiereaktion von Gebäuden) entwickelt.
Sein Ziel war es, anhand von stündlichen externen Daten für Außentemperaturen und Solareinstrahlung für einen Standort nachzuvollziehen, inwieweit in einem entworfenen Gebäude der günstige Einfluss der Solarstrahlung genutzt werden kann. Hinzu kamen natürlich auch die Werte der Außenlufttemperaturen. Wir Studierenden arbeiteten in Austin allerdings mit dem etwas später in Fortran entwickelten Computerprogramm »SUNCODE«. Die Amerikaner hatten bei der Ausbildung in Sachen Gebäudeenergie damals die Nase vorn.
Während meiner Studienzeit Mitte der 80er-Jahre waren die angebotenen EDV-Vorlesungen an der Universität Stuttgart dermaßen überlaufen, dass es fast unmöglich war, daran teilzunehmen. An der University of Texas in Austin / USA sah es demgegenüber ganz anders aus: Ein riesiger Saal war beispielsweise mit Apple-Computern ausgestattet. Im Bereich der Architektur arbeiteten wir Studierende dort mit AutoCAD oder VersaCAD. Die amerikanischen Studierenden beherrschten schon damals ausnahmslos das 10-Finger-System bei der Texteingabe, weil sie es bereits in der Schule als Pflichtfach gelernt hatten. So sieht zukunftsorientierte Ausbildung aus.
BauSV: Der Computereinsatz im Bauwesen nahm also bereits deutlich Gestalt an. Aber nicht für alle Fachrichtungen? War SUNCODE dann also mehr ein Computerprogramm für Bauphysiker?
Tuschinski: Ja und nein. Professor Arumi setzte es sehr erfolgreich in der Architektenausbildung ein. Als ich Anfang der 90er-Jahre dann als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Bauökonomie an der Architekturfakultät der Universität Stuttgart die Gelegenheit hatte, ein Energiesimulationslabor für Studierende einzurichten, zeigten sich diese an den Energiethemen auch besonders interessiert. Stundenlang saßen sie an den Computern und optimierten ihre Architekturentwürfe.
Diese »energetische« Herausforderung hatte es auch Ihnen sichtlich angetan. Neu war in Stuttgart, dass angehende Architekten mit einem eher bauphysikorientierten Computerprogramm arbeiteten. Die entsprechenden Lizenzen hatten wir von CENERGIA bezogen, dem Ingenieurbüro von Ove Moerck in Kopenhagen. Später hat sich in Deutschland die Simulationssoftware TRNSYS (Transient System Simulation) durchgesetzt. Das computerunterstützte pädagogische Konzept und die Arbeiten der Studierenden an der Uni Stuttgart stießen auf sehr großes Interesse auf europäischen Tagungen und Ausstellungen, als ich sie in Florenz, Irland, Wien, Hamburg usw. vorstellte.
BauSV: Zu der Zeit galten in Deutschland seit 1977 die Wärmeschutzverordnung (WSchVO) und seit 1978 die Heizungsanlagenverordnung (HeizAnlV) für Gebäude. Das erste Energieeinsparungsgesetz (EnEG 1976) ermächtigte die Bundesregierung durch Rechtsverordnungen mit Zustimmung des Bundesrates, Anforderungen an den Wärmeschutz von Gebäuden und ihren Bauteilen zu stellen. Hatte auch die zweite Ölkrise dazu beigetragen, mehr auf das Energieeinsparen zu schauen?
Tuschinski: Ja, das erste EnEG 1976 war die Antwort der Politik auf die Erdölkrise. Der § 2 dieses Gesetzes führte zur ersten Heizungsanlagen-Verordnung (HeizAnlV 1978). Sie regelte die Anforderungen an heizungs- und raumlufttechnische Anlagen sowie an Brauchwasseranlagen.
Damals wurde in Deutschland auch die Novelle der WSchVO 1995 vorbereitet. Ich betreute an der Universität Stuttgart ein Seminar der Oberstufe dazu und die Studierenden waren erfreulicherweise sehr interessiert. Die Politik zeigte sich auch sehr aufgeschlossen hinsichtlich der Ausbildung in Sachen Energieeinsparung: So hatten wir Herbert Ehm aus dem Bonner Bundesbauministerium zu Gast – der Fachwelt auch bekannt als »Vater der WSchVO«.
Die Studierenden stellten ihm sehr viele Fragen zur Anwendung der kommenden Energiesparregeln in der Praxis. Dieses Erlebnis war ausschlaggebend für meine weiteren beruflichen Interessen, auch ab 1996 als selbstständige freie Architektin in Stuttgart. Zunächst kooperierte ich mit anderen Architekten bei Wettbewerben und Projekten, wobei mein Beitrag stets die energetischen Aspekte und Durchführung von Energiesimulation betraf.
Parallel dazu arbeitete ich als deutsche Partnerin im EU-geförderten Verbundprojekt RENACH (Renewable Energy in Architecture – übersetzt: erneuerbare Energie in der Architektur). In diesem Rahmen verglich ich die Energiesparregeln in Dänemark, Frankreich und Deutschland, wobei erstere am besten abschnitten.
Zusätzlich bot ich – anstatt des ursprünglich vorgesehenen Seminars an der Architektenkammer Baden-Württemberg in Stuttgart – einen internetbasierten Online-Workshop zu »Erneuerbare Energie in der Architektur« an. Inzwischen hatte ich durch einen Online-Kurs aus den USA gelernt, mit der Software Microsoft FrontPage HTML-Webseiten und Online-Formulare zu erstellen. Damals war es noch recht teuer, sich im weltweiten Internet (WWW) virtuell zu bewegen.
Mein erster Computer als selbstständige Architektin ab 1996 war ein Compaq mit winzigem 14-Zoll-Monitor. Dank der eingebauten Fax-Karte konnte ich mich damit – laut piepsend! – auch ins Internet begeben. Ich erinnere mich, dass die Kosten für den Kurs und Onlinegebühren jeweils bei ca. 500 DM lagen. Dank Internet konnten am zeitlich begrenzten RENARCH-Online-Workshop auch Architekten aus Österreich, Frankreich und der Schweiz teilnehmen. Als »Lockmittel« wirkte dabei die Erlaubnis, ein eigenes passenden Architekturprojekt für die RENARCH-Datenbank beizusteuern. Dadurch fanden sich auch genügend Interessenten, sodass der erste Online-Workshop und die daraus resultierten Informationen und Datenbank bereits erfolgreich waren.
BauSV: Wie es dann weiterging, berichten Sie ausführlich in Ihrem neuen Beitrag »25 Jahre Vorschriften in der Praxis – Energie einsparen nach EnEG, EnEV, EEWärmeG, GEG, GEIG und WPG« in der kommenden Ausgabe Februar 2026 unserer Fachzeitschrift »Bausachverständige«. Bitte geben Sie unseren Leserinnen und Lesern einen kurzen Überblick, was sie bei der Lektüre des spannenden Themas erwartet.
Tuschinski: In meinem Beitrag in »Bausachverständige« berichte ich über die Erfahrungen mit der Online-Information, mit Publikationen und Praxishilfen für Bausachverständige, Architekten, Planer und Energieberater.
Das heutige Experten-Portal GEG-info | EnEV-online begann als einfache Online-Linkliste zur ersten Energieeinsparverordnung (EnEV 2000), die als EnEV 2002 Anfang Februar 2002 endlich in Kraft trat. Im Internet waren dazu viele gute Informationen zu finden, doch nirgends erschienen sie nach Themen sortiert und gebündelt. Dem Bedürfnis der Fachwelt nach strukturierten und gebündelten Fachinformationen kam ich mit der Linkliste entgegen. Seither hat sich das Informationsportal vielfach gewandelt und erweitert.
Noch im Rahmen des EU-Projektes RENARCH I und II habe ich die Energieberater-Weiterbildung an der Universität Kassel mit einem Online-Workshop begleitet. In der Fachwelt in Europa war damals eine deutliche »Energie-Euphorie« zu spüren, vor allem auf internationalen Tagungen. Sehr förderlich war es dabei auch, dass die EU-Gremien diese Belange in ihre Verantwortung mit aufgenommen hatten.
Hierzu gehörte auch die erste EU-Gebäuderichtlinie (2003) – in der Fachwelt bekannt unter ihrer englischen Abkürzung EPBD (Energy Performance of Buildings Directive – übersetzt: Richtlinie zur Energieeffizienz von Gebäuden).
Unser internationales Verbundprojet RENARCH erhielt beispielsweise finanzielle Unterstützung im Rahmen des EU-Programms ALTENER (Alternative Energies – übersetzt: alternative Energien) und der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).
Vielen Dank für die willkommene Gelegenheit, der Fachwelt einen solchen Über-, Rück- und Ausblick geben zu können.
BauSV: Frau Tuschinski, vielen Dank für das Gespräch.
Kontakt
Melita Tuschinski
Dipl.-Ing./UT, Freie Architektin und Fachautorin in Stuttgart
Expertenportal: GEG-info.de | EnEV-online.de | GEIG-online.de | WPG-info.de
E-Mail: info@tuschinski.de
Internet: www.tuschinski.de

