Foto: Person in Schutzkleidung und Atemschutzmaske in einem Gefahrstofflabor. Im Inneren einer Apparatur, hinter Glas, wird eine Materialprobe untersucht.
Im Gefahrstofflabor des Fraunhofer IBP werden Asbest und andere mineralische Schadstoffe nach geltenden technischen Regeln untersucht und neue Prüfverfahren validiert (© Fraunhofer IBP)
  • 12.05.2026

Sanieren unter Vorbehalt: Asbest als Risikofrage der Bauwende

Altlasten mit wirtschaftlichen Folgen

Energetische Sanierungen sind längst nicht mehr nur eine Frage der Klimapolitik. Sie sind Teil eines Transformationsmarktes, in dem öffentliche und private Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe erwartet werden. Doch zwischen Dämmstoffen, alten Leitungen und jahrzehntealten Wandaufbauten schlummert ein Risiko, das Zeitpläne und Budgets ins Wanken bringen kann: Asbest. Nach Einschätzung des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik IBP wird die schnelle und verlässliche Identifikation der Fasern zu einer der zentralen Voraussetzungen der Sanierungswelle.

Um Zeit und Kosten auf der Baustelle zu sparen, entwickelt das Institut gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB ein neues optisches Erkennungsverfahren und erweitert seine Analytik um ein Gefahr- und Schadstofflabor. Ziel ist es, einen Engpass der Bauwende technologisch zu entschärfen.


Altlasten mit wirtschaftlichen Folgen

Asbest befindet sich noch immer in rund drei Vierteln aller Gebäude, die zwischen 1930 und 1993 gebaut oder saniert wurden.[1] Laut Umweltbundesamt wurde Asbest in mehr als 3.000 Bauprodukten eingesetzt.[2] Viele dieser Materialien stecken somit in Gebäuden, die heute im Mittelpunkt der energetischen Sanierung stehen.

Asbest ist in der Regel nicht mit bloßem Auge erkennbar. Bei Modernisierungen wird er häufig erst entdeckt, wenn Bagger und Handwerker bereits auf der Baustelle stehen. Die Folgen reichen von abrupten Baustopps über teure Nachträge bis zu umfangreichen Entsorgungsumwegen. Bei umfassender Begutachtung können drei Wochen und mehr vergehen. In dieser Zeit steht die Baustelle still. Für Projektentwickler und Bauunternehmen bedeutet das Verzögerungen, Vertragsstrafen und steigende Finanzierungskosten. Bei Großprojekten summieren sich Stillstandskosten schnell auf sechsstellige Beträge. In einem Markt, in dem Geschwindigkeit über Wettbewerbsfähigkeit entscheidet, wird Asbest damit zum strategischen Risikofaktor.


Regulatorischer Druck erhöht Prüfbedarf

Seit 2023 schreibt die Ersatzbaustoffverordnung einen Asbestfrei-Nachweis für rezyklierte mineralische Baustoffe vor. Ohne Analytik kein Recycling. Unternehmen stehen vor einer kostentreibenden Entscheidung: umfassend prüfen oder im Zweifel vollständig deponieren. Beides bindet Kapital und verlängert Projektlaufzeiten.

»Sanierung wird nur dann planbar, wenn Schadstoffrisiken frühzeitig erkannt werden«, sagt Professor Philip Leistner, Institutsleiter des Fraunhofer IBP. »Investitionssicherheit hängt unmittelbar mit verlässlicher Analytik zusammen.«


Fraunhofer entwickelt Handdetektor zur schnellen Erkennung

Klassische Laboranalysen gelten als präzise, sind jedoch zeitaufwendig. Zwischen Probenahme und Auswertung können mehrere Wochen liegen – in dieser Zeit steht die Baustelle still. Gerade bei großen Rückbau- und Recyclingprojekten stoßen herkömmliche Verfahren an ihre Grenzen.

Gemeinsam mit dem Fraunhofer IOSB hat das Fraunhofer IBP ein optisches Detektionsverfahren entwickelt, das eine physikalische Eigenschaft von Asbestfasern nutzt: den sogenannten Pleochroismus. Je nach Lichteinfall verändern die Fasern ihre Farbe. Diesen optischen Effekt zeigen andere mineralische Baustoffe wie Beton, Gips oder Kalksandstein nicht. Mithilfe automatisierter Bildauswertung lassen sich belastete Materialien damit großflächig und berührungsfrei identifizieren, perspektivisch direkt auf der Baustelle oder in Recyclinganlagen.

Der wirtschaftliche Effekt liegt in der Zeitdimension: »Beschleunigte Analytik wirkt sich unmittelbar auf Projektlaufzeit, Liquidität und Investitionssicherheit aus«, erklärt Dr. Volker Thome, Abteilungsleiter für Mineralische Werkstoffe und Baustoffrecycling am IBP. »Je früher belastbare Ergebnisse vorliegen, desto geringer ist das Risiko ungeplanter Verzögerungen.« Gerade in großvolumigen Sanierungsprojekten entscheiden Tage über erhebliche Mehrkosten.


Neues Schadstofflabor erweitert Analytik-Infrastruktur

Um die Vor-Ort-Detektion mit rechtssicherer Analytik zu verbinden, hat das Fraunhofer IBP in Holzkirchen ein neues Gefahr- und Schadstofflabor in Betrieb genommen. Dort werden Asbest und andere mineralische Schadstoffe nach geltenden technischen Regeln untersucht und neue Prüfverfahren validiert.

Das Labor ist zentrale Infrastruktur im vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderten Projekt »ReAsCon«. Anwendungsfall ist der Rückbau der Hochstraße Ludwigshafen, bei dem über 300.000 Tonnen Beton anfallen. Bei einem solchen Volumen entscheidet die Frage »Verwertung oder Deponierung« über wirtschaftliche Größenordnungen. Ziel ist es, Materialströme schneller und differenzierter zu bewerten und asbestfreie Fraktionen gezielt in den Stoffkreislauf zurückzuführen.

Statt pauschaler Deponierung ermöglicht die Kombination aus schneller Detektion und fundierter Laboranalytik eine wirtschaftlichere Verwertung großer Mengen mineralischer Baustoffe. Sie senkt Deponiekosten, schont Primärrohstoffe und erhöht die wirtschaftliche Planbarkeit von Rückbauprojekten. Zugleich stärkt sie die Rohstoffsicherheit in einem Markt, der zunehmend auf Sekundärmaterialien angewiesen ist.


Investitionssicherheit braucht Transparenz

Noch befindet sich das optische Verfahren in der Pilotphase. Seine wirtschaftliche Relevanz ist jedoch absehbar: Ohne schnelle und verlässliche Asbestanalytik bleibt die Sanierung im Bestand ein Projekt unter Vorbehalt. In einem Investitionsumfeld mit Milliardenvolumen kann fehlende Transparenz zum Wettbewerbsnachteil werden. Die Folgen treffen alle Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette: Für Bauunternehmen bedeuten sie höhere Risikozuschläge, für Investoren steigende Unsicherheitsprämien, für Recyclingbetriebe zusätzliche Prüfkosten und für Kommunen wachsende Entsorgungsaufwendungen.

»Asbest ist ein Erbe aus der Vergangenheit, seine ökonomische Wirkung entfaltet es in der Gegenwart«, so Leistner. »Für eine funktionierende Bauwende brauchen wir Verfahren, die schnell und verlässlich Klarheit über Schadstoffe im Bestand schaffen.«

[1] Asbest im Bauwerksbestand | VDI

[2] Asbest | Umweltbundesamt


Weitere Informationen

 

Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP
Standort Holzkirchen
Fraunhoferstraße 10
83626 Valley
Telefon: 08024 643-626
Internet: www.ibp.fraunhofer.de


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