Wetter- und Klimabedingungen bestimmen von jeher die Voraussetzungen für die Planung, den Bau und den Betrieb von Gebäuden. In Deutschland zeigt sich dies regional sehr unterschiedlich, etwa durch Stürme an den Küsten, Starkregen und Hagel im Süden, Hochwasser an Flüssen oder hohe Schneelasten im Alpenraum. Durch klimatische Veränderungen verschieben sich diese Bedingungen jedoch. So verändern sich Häufigkeit, Intensität und regionale Muster von Unwettern.
Für Gebäude, Quartiere und Städte bedeutet das ein wachsendes Risiko, da die Einwirkungen und das Schadenpotenzial zunehmen. Bislang fehlte es jedoch an systematischen, datenbasierten Analysen zu den konkreten Auswirkungen auf den Gebäudebestand. Die neu veröffentlichte Studie »Klimawandel und Extremwetterereignisse – Schadenentwicklung und Anforderungen an Wohngebäude« des Instituts für Bauforschung e.V. (IFB) schließt diese Lücke. Das Ziel der Untersuchung: Auf Basis langjähriger Versicherungsdaten verlässliche Aussagen über die Schadenentwicklung, regionale Muster und typische Schadenursachen zu treffen.
Aus den Ergebnissen werden konkrete Schlussfolgerungen und Anpassungen für die Planungs- und Baupraxis abgeleitet. Die Studie basiert auf Schadenstatistiken der VHV Allgemeine Versicherung AG zu Schadenmeldungen der Wohngebäude- (inkl. Elementar-) und Bauleistungsversicherung ab 2002 in Deutschland sowie auf Daten des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) ab 1970. So war eine differenzierte Betrachtung der Entwicklung von Schadenhäufigkeiten und Schadenhöhen über einen großen Zeitraum hinweg möglich.
Meteorologische Daten halfen dabei, die für Schäden ursächlichen Wetterereignisse präzise einzuordnen. Methodisch folgt die Studie einem einheitlichen Aufbau für jede Wetterart:
- Meteorologische Beschreibung: Analyse von Auftreten, Intensität und klimatischen Einflüssen
- Geografische Schwerpunkte: Darstellung der am stärksten betroffenen Regionen und typischer Schadenbilder an Gebäuden
- Quantitative Analyse: statistische Auswertung der Schadenentwicklung
- Präventionsmaßnahmen: Ableitung von baulichen, organisatorischen und versicherungstechnischen Empfehlungen.
Ein zentrales Ergebnis: Schäden durch Wetterextreme nehmen zu und machen vorsorgende Schutzmaßnahmen an Gebäuden dringend erforderlich. Die Studie soll dabei helfen, Gefährdungen transparent zu machen, Zusammenhänge aufzuzeigen und praxisnahe Lösungen zur Schadenprävention bzw. -minderung zu liefern. Die Handlungsempfehlungen für die Planungs-, Bau- und Nutzungsphase gehen dabei bewusst über die gesetzlichen Mindestanforderungen und bestehenden Normen hinaus.
Viele Gebäude sind Extremwetterereignissen nicht gewachsen
»Es ist dringend notwendig, Extremwetterereignisse und ihre Entwicklung zu verstehen und die Prozesse beim Planen und Bauen sowie die Widerstandsfähigkeit von Gebäuden an die veränderten Bedingungen anzupassen«, erklärt Institutsdirektorin Dipl.-Ing. Heike Böhmer. »Wir sehen heute Extremwetterereignisse in Regionen, in denen man sie nicht erwartet hätte, in Jahreszeiten, die bisher eher unüblich waren, in Intensitäten und Häufigkeiten, die bisher von Anforderungen in Regelwerken nicht erfasst sind. Viele Gebäude sind diesen Belastungen nicht gewachsen.«
Die Studie belegt regionale und saisonale Veränderungen von Schäden: Während Sturmschäden traditionell vor allem im Winterhalbjahr auftraten und die Sommermonate eher von Hagel- sowie Blitzschäden geprägt waren, zeigen die Jahre 2023 und 2024 deutliche Verschiebungen. So nehmen Sturmschäden im Sommer zu, Hagelschäden verlagern sich stärker in den August und lagen zuletzt deutlich über dem langjährigen Mittel. Auch regional waren neue Muster nachweisbar – mit zusammenhängenden Zonen erhöhter Sturmaktivität sowie einer stärkeren Betroffenheit süddeutscher Regionen bei wasserbedingten Schäden.
Anzahl und Höhe von Schäden steigen
Mit häufiger auftretenden Unwettern steigen auch die Anzahl und die Höhe der finanziellen Schäden. Zusammengenommen verursachen Sturm- und Hagelschäden die höchsten Gesamtschäden. Starkregen, Rückstau und Überschwemmungen treten zwar seltener auf, verursachen pro Einzelfall aber deutlich höhere Kosten und belasten die Gesamtschadenbilanz massiv. Gewitterereignisse können Risiken bündeln: Kommen durch organisierte Gewittersysteme Starkregen, Hagel, Blitzschlag und Sturm zusammen und halten über längere Zeit an, kann dies zu komplexen Schadenlagen führen. Diese reichen von beschädigten Dächern über Überflutungen bis hin zu Ausfällen technischer Anlagen.
Kluges und vorausschauendes Handeln ist wichtig
Die bauliche und urbane Resilienz – also die Fähigkeit von Gebäuden und Quartieren, Extremwetterereignisse schadlos zu überstehen oder deren negative Auswirkungen auf ein Minimum zu begrenzen – wird daher immer wichtiger. Neben baulichen Maßnahmen wie verstärkten Dachbefestigungen, hagelfesten Materialien oder größer dimensionierten Entwässerungssystemen gewinnen klimaangepasste Quartierskonzepte an Bedeutung. Ein Beispiel ist das Konzept der Schwammstadt, bei dem Regenwasser gezielt zurückgehalten und versickert, aber auch gespeichert wird.
Auch der Umgang mit längeren Hitze-, Trocken- und Dürreperioden muss laut den IFB-Experten neu gedacht werden, da diese Materialien, Vegetation und Wasserverfügbarkeit, aber auch die grundsätzliche Nutzbarkeit von Gebäuden beeinflussen. Neben technischen Lösungen spielen in diesem Zusammenhang auch organisatorische Abläufe auf Baustellen und im laufenden Gebäudebetrieb eine wichtige Rolle.
Die IFB-Direktorin appelliert an die Eigenverantwortung von Planern, Handwerkern und Eigentümern: »Das Wissen über die neuen Risiken verpflichtet uns alle zum Handeln. Der Schutz und Erhalt unserer Gebäude und Infrastruktur muss die veränderten Wetter- und Klimabedingungen von vornherein einbeziehen. Auf neue Gesetze oder Verordnungen zu warten, ist der falsche Weg. Kluges und vorausschauendes Handeln ist sofort und unmittelbar wichtig.
Flankiert werden sollte die bauliche Vorsorge durch einen passenden Versicherungsschutz (wie Elementarschaden- oder Bauleistungsversicherungen). In Kombination mit einer vorherigen Risikoanalyse lassen sich Schäden so zumindest finanziell abfedern. Die Studie liefert hierfür die notwendigen Daten und praktische Hilfestellungen in Form von konkreten Empfehlungen und Handlungsanweisungen. Die IFB-Experten betonen, dass jeder Akteur – vom Architekten über Handwerker bis zum privaten Eigentümer – aktiv werden sollte.
Die Datenanalyse lässt die Vermutung zu, dass Wetterextreme wie Sturm, Hagel, Starkregen, Hitze und Trockenheit in Deutschland weiter zunehmen werden. Wie schwerwiegend die Folgen sein werden, hängt maßgeblich davon ab, wie gut Planungs- und Baubeteiligte, Kommunen und Eigentümer darauf vorbereitet sind.
Die Studie ist unter www.bauforschung.de abrufbar.
Über das IFB
Das Institut für Bauforschung e.V. (IFB) mit Sitz in Hannover wurde 1946 gegründet und ist eines der ältesten Bauforschungsinstitute Europas. Im Auftrag öffentlicher und privater Auftraggeber betreibt das IFB Anwendungsforschung zu aktuellen Fragestellungen der Planungs- und Baupraxis und führt umfangreiche Analysen zur Bauqualität im Hoch- und Tiefbau durch. Die Ergebnisse werden den Mitgliedern aus Bauindustrie, Baugewerbe, Wohnungswirtschaft, Verwaltung und Sachverständigenwesen sowie der Öffentlichkeit regelmäßig zur Verfügung gestellt. Am bekanntesten: der jährlich erscheinende VHV-Bauschadenbericht, der vom IFB erarbeitet wird.

